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Die Geschichte des Dorfes Gatow
Wenn Gatow 2008 einen 750. Geburtstag feiert, so ist
dies das Jubiläum zum Datum seiner ersten urkundlichen
Erwähnung im Jahr 1258. Denn das wirkliche Alter des ehemaligen
Dorfes Gatow, heute Ortsteil des Berliner Bezirks Spandau, ist wie so
oft nicht bekannt, es gibt weder eine Gründungsurkunde noch andere
Quellen. Man vermutet seine Anfänge jedoch im frühen 13. Jahrhundert,
als die Mark Brandenburg von den askanischen Markgrafen regiert und
kolonisiert wurde.
Das Gebiet der Mark Brandenburg war seit dem 7. Jahrhundert von Slawen
besiedelt und wurde um 940 von Kaiser Otto I. erobert
und christianisiert. Bald darauf, 948 gründete er die Bistümer Brandenburg
und Havelberg. Doch bereits vier Jahrzehnte später musste nach
dem großen Slawenaufstand von 983 die Ostgrenze des Deutschen
Reiches wieder bis an die Elbe zurückverlegt werden. Den zweiten
Versuch einer deutschen Besiedlung startete der askanische Markgraf Albrecht der Bär
um 1157, als er die Mark Brandenburg als Lehen erhielt. Von nun an förderten
Albrecht und seine Nachfolger die Ansiedlung deutscher Bauern sowohl
in den bereits von Slawen bewohnten als auch in neu gegründeten
Dörfern.
Bis etwa 1250 entstanden im heutigen Berliner Raum
mehr als 200 neue Dörfer. Die Bevölkerungszahl erhöhte
sich hier zwischen 1150 und 1250 von ca. 5.000-10.000 auf ca. 35.000-40.000
Menschen. Verbesserte Anbaumethoden wie Dreifelderwirtschaft, Flurzwang
oder der Gebrauch des modernen Wendepfluges,
mit dem auch schwerer zu bearbeitende Böden kultiviert werden konnten,
steigerten die Wirtschaftskraft.
Bei der Neugründung eines Dorfes führte in der Regel ein sog.
"Lokator", der später meist das Amt des Dorfschulzen
übernahm, die Verhandlungen zwischen dem Landesherrn und den Siedlern
über Abgaben- und Dienstverpflichtungen, Hufenzahl und Bewirtschaftung.
Jeder Bauer erhielt eine Hofstelle mit Hufen- und Gartenland sowie Nutzungsrechte
an den Gemeinheiten (Allmende) von Wald, Wasser und Weide in
Erbzinsrecht. Der Zins musste an den Grundherrn geleistet werden. Das
Dorf wurde mit "Hufengewannflur" angelegt, dies bedeutete, dass
die Ackerflur nach "Hufen" vermessen und eingeteilt wurde.
Eine Hufe, die zugleich Flächenmaß und Besitzeinheit war,
entsprach etwa 30 Morgen (ca. 7,5 Hektar). Die Ackerflur eines Dorfes
wurde in drei Felder (Gewanne) geteilt, von denen jedes in so viele
Streifen aufgeteilt wurde, wie das Dorf Bauern zählte. Jeder Vollbauer
(Hüfner) erhielt meistens einen Streifen auf jedem Feld. Die drei
Parzellen zusammen ergaben eine Hufe. Die Verteilung der Hufen auf drei
Felder gab allen Bauern einen gleichwertigen Anteil an der Feldflur.
Voraussetzungen für diese Wirtschaftsform waren Dreifelderwirtschaft
(jährlicher Wechsel von Sommer-, Wintergetreide und Brache) und
Flurzwang (gemeinsame Bewirtschaftung durch alle Bauern).
Pfarrer und Schulze hatten einen größeren Anteil an den Hufen,
aber auch ihr Land lag im Gemenge, dessen Bewirtschaftung erfolgte durch
die dienstpflichtigen Bauern und durch Kossäten, die keinen Anteil
am Hufenland, sondern nur am Gartenland, besaßen.
Auf diese oder ähnliche Weise wurde auch das Dorf Gatow
wohl bald nach 1200 südlich von Spandau am Ufer der Havel gegründet.
Es wurde als einseitiges Straßendorf angelegt, das heißt,
es gab auf der östlichen Seite der Dorfstraße (heute Alt-Gatow)
zum Wasser acht – zeitweise auch sechs oder neun – Vollbauernhöfe.
Damit verbunden war das Recht, vom Ufer aus zu fischen. Westlich der
Dorfstraße stand nur die Kirche, umgeben vom Kirchhof und dem
gemeinschaftlichen Gartenland. Darüber hinaus lebten im Dorf sog.
Kossäten oder Büdner (Kleinbauern), die nur
ein kleines Wohnhaus mit Gartenland zur Verfügung hatten und in
der Regel als Landarbeiter oder auch als Dorfhandwerker (Krüger,
Hufschmied, Hirte) tätig waren. Ihre Abgabenpflichten waren entsprechend
geringer als die der Bauern. Der Dorfschulze war von
Abgaben befreit, musste dem Lehnherrn jedoch ein Pferd für
Boten- und Kriegsdienste stellen. Er hatte zugleich das Amt
des Dorfrichters und stand dem Dorfgericht vor, das Bagatelldelikte
wie u.a. Diebstähle oder Übertretungen der Feldordnung verhandelte.
Die Schöffen waren aus dem Kreis der Hufenbauern gewählt.
Als Beauftragter des Grundherren sorgte der Schulze auch für die
pünktliche Ablieferung der Abgaben, er regelte
den Beginn der Felderbestellung und der Ernte sowie
den Auftrieb des Viehs auf die Weiden. In Gatow lag
der Hof des Schulzen, das sog. Lehnschulzengut, am
südlichen Ende der Dorfstraße, auf den heutigen Grundstücken
Alt-Gatow 57/63.
1258 wurde Gatow zum ersten Mal urkundlich erwähnt.
Damals übertrug der askanische Markgraf Johann I. dem
Spandauer Benediktinerinnenkloster die Einnahmen von
zwei Wispeln Getreide aus Gatow. Vierzehn Jahre später,
1272 kauften die Nonnen das ganze Dorf. Knapp dreihundert
Jahre blieb Gatow in ihrem Besitz.
Nachdem Kurfürst Joachim II. 1539 in der Spandauer
Nikolaikirche das evangelische Abendmahl gefeiert hatte und die Reformation
in Brandenburg Einzug hielt, wurde der Besitz von Kirchen und Klöstern
säkularisiert, d.h. in der Regel vom Landesherrn übernommen.
Auch das gesamte Eigentum des Spandauer Klosters, darunter mehrere Dörfer
wie Gatow, ging 1558 in den Besitz des Kurfürsten
über. Er ließ diesen Teil seiner Güter von dem nun im
Klosterhof residierenden "Amt Spandau" verwalten.
Ab 1450 sind ein Krug, ab 1772 eine Schmiede
und ab 1826 eine Mühle in Gatow erwähnt.
Das von der Landarbeit bestimmte dörfliche Leben und die Struktur
des Dorfes änderten sich im Verlauf der Jahrhunderte in Gatow vergleichsweise
wenig, was auch mit den Besitzverhältnissen zusammenhängen
mochte. Gatow war von Anfang an ein reines Bauerndorf,
das Land war gleichmäßig auf die Vollbauern verteilt und
stets von einer Stelle verwaltet. Im Gegensatz zu anderen ehemaligen
Dörfern im Berliner Raum
gab es keinen im Ort ansässigen Grundherrn, keinen adeligen Gutsbesitzer,
der durch Aufkäufe von Bauernstellen oder ehrgeizige Baupläne
größere Veränderungen bewirkt hätte. Lediglich
am nördlichen Ende des Dorfes gab es um etwa 1800 eine erste Dorferweiterung,
als eine Ziegelei sowie mehrere kleine Landarbeiter-
und Handwerkerhäuser hier gebaut wurden.
Erst die Agrarreformen des 19. Jahrhunderts, die die
Bauern von ihren Dienstverpflichtungen befreite und zu Eigentümern
des von ihnen bewirtschafteten Bodens machten, bewirkten einige strukturelle
Veränderungen auch in Gatow. Nach der Separation, die hier 1844
begann und 1850 beendet war, wurden große Flächen im südlichen
Teil des Dorfes verkauft und es entstand ein Gutshof, der mit mehr als
200 Hektar am Ende von beachtlicher Größe war. Ein weiterer
neuer Bauernhof siedelte sich auf ehemaligem Gartenland an der heutigen
Buchwaldzeile an. Dagegen führten die Verkäufe von
Ackerland an die Stadt Charlottenburg, die ab 1895 das
Rieselgut Karolinenhöhe für die Abwasserentsorgung
betrieb, dazu, dass Gatow bis heute von Ackerflächen umgeben ist.
Die Rieselfelder im Norden und Westen des Dorfes stellten nicht nur
eine natürliche Barriere gegen die Bebauung der Flächen selbst
dar, sondern sie erschwerten mit ihrer geruchsintensiven Nutzung auch,
dass sich Gatow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur
Villen- und Landhauskolonie entwickelte. Trotz der landschaftlich reizvollen
Lage am Havelufer ließen sich auch aufgrund der Abgeschiedenheit
und schlechter Verkehrsbedingungen weit weniger Berliner hier nieder
als in anderen Landgemeinden im Südwesten der Hauptstadt. Die Ansiedlung
größerer Industriebetriebe verhinderte die Bauordnung.
Nach Auflösung des Amtes Spandau und Einführung der
Preußischen Kreisordnung im Jahr 1874 gehörte Gatow
zum Kreis Osthavelland im Regierungsbezirk Potsdam (Provinz Brandenburg).
Die örtliche Polizeigewalt übernahm nun ein Amtsvorsteher,
eine gewählte Gemeindevertretung die Verwaltung. Die Protokolle
ihrer Sitzungen haben sich im Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums Spandau
erhalten. Mit Bildung der Stadtgemeinde Groß-Berlin im
Oktober 1920 wurde Gatow Ortsteil des Bezirks Spandau. Bis zur
Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Dorf Gatow stets weniger als 200
Einwohner, danach nahm die Zahl langsam zu, 1920 wurden etwa 600 Einwohner
gezählt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden neue Wohngebiete
und Einzelbauten im gesamten Gebiet des Ortsteils Gatow, so dass die
Einwohnerzahl heute etwa 4.000 beträgt.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm in Gatow die Zahl der Bauernhöfe
und der in der Landwirtschaft tätigen Bewohner ab, andere Berufsgruppen
siedelten sich an, auch im alten Dorfkern veränderte sich die Bebauung.
Trotzdem – oder gerade weil – sich auch einige der Bauernhöfe mit
ihrer landwirtschaftlichen Nutzung gehalten haben und das malerische
Bild des Dorfes bis heute prägen, entwickelte sich Gatow
zum beliebten Wohnort im Grünen und am Wasser. Auch als Ausflugsziel
erfreute sich der Ort großer Beliebtheit, wovon zahlreiche Gaststätten
und Biergärten noch immer zeugen. Ein überregional bekanntes
Beispiel war das Ausflugsrestaurant "Haus Gatow am See",
das 1932 in die Bauten des ehemaligen Lehnschulzengutes eingezogen war.
1955 übernahm der Komiker Erich Carow mit seinem Kabarett "Carows
Lachbühne" das Lokal, baute eine neue Gartenhalle und
nannte es nun "Haus Carow am See". Mitte der 1970er Jahre wurden sämtliche Gebäude des Lehnschulzengutes
und der Gaststätte abgerissen.
Autorin: Haila Ochs
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