Alt-Gatow, Dorfkirche, Anfang 14. Jahrhundert, Umbauten 15./16. Jahrhundert, erneuert 1953; Dachturm, 1846; Kirchhof, um 1700
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Als das älteste erhaltene Gebäude in Gatow ist die Kirche
sowohl für die Geschichte als auch für das Bild des Dorfes
von größter Bedeutung. Sie markiert das Zentrum des historischen
Ortskerns, sie war stets religiöser Versammlungsort und zugleich
sozialer Mittelpunkt für die Bewohner. An ihrem Bau lassen sich
die Spuren der Jahrhunderte ablesen, ihr Erscheinungsbild prägt
die ländliche Atmosphäre Gatows bis heute. Allein durch ihr
Vorhandensein zwischen Neubauten und geänderten Verkehrswegen kündet
sie von den Wurzeln des Ortes.
Die Tatsache, dass die Gatower Kirche nicht grundlegend verändert
wurde und noch heute weitgehend in ihrer ursprünglichen Form überliefert
ist, spiegelt die Entwicklung des gesamten Ortes. Im Gegensatz zu vielen
anderen Berliner Bezirken und Ortsteilen, die ebenfalls ihre Ursprünge
in mittelalterlichen Dörfern haben, wurde Gatow nicht durch Verstädterung
und Ausbau komplett unkenntlich gemacht. Gatow ist nach wie vor als
Dorf erlebbar, viele bauliche Elemente erlauben es, sich ein Bild von
seinem früheren Aussehen zu machen. Dazu trägt die Kirche
in höchstem Maße bei.
Kirchenrechtlich gehörte die Gatower Gemeinde etwa dreihundert
Jahre lang zum Spandauer Benediktinerinnenkloster, das von 1272 bis
zu seiner Auflösung 1590 das Patronat der Kirche inne hatte. Nach
Einführung der Reformation in Brandenburg wurde das gesamte Eigentum
des Klosters säkularisiert und gelangte in den Besitz des Kurfürsten,
der es dem landesherrlichen Amt – also nicht der Stadt – Spandau übereignete.
Auch das Patronat von lag nun beim Amt Spandau, Gatow wurde Tochtergemeinde
von Kladow. Erst seit 1966 ist Gatow wieder eine selbstständige
Kirchengemeinde.1
Die Kirche, wie sie heute vor uns steht, ist das Ergebnis von Baumaßnahmen,
die im Laufe von sieben Jahrhunderten ausgeführt wurden.2
Der heutige Kirchenbau wurde wohl in der ersten Hälfte des 14.
Jahrhunderts begonnen. Der Standort war vermutlich bereits früher
festgelegt, von einem möglichen ersten Bau aus der Gründungsphase
des Dorfes im 13. Jahrhundert ist allerdings nichts überliefert.
Der ungewöhnlich lang gestreckte Baukörper mit seinen
unterschiedlichen Fenstern und Blendbögen lässt mehrere Bauphasen
erkennen: Zuerst wurde ein kleiner Rechtecksaal mit Choranbau in Feldsteinmauerwerk
errichtet. Über die erste größere bauliche Veränderung
herrscht Unklarheit, Dokumente oder andere Belege gibt es nicht aus
jener Zeit. Allein der Bau selbst zeigt Spuren eines Umbaus, der möglicherweise
im 15. oder 16. Jahrhundert stattgefunden hat. Dabei wurden die vier
Strebepfeiler angebaut, der Chor verbreitert, das Kirchenschiff erhöht
und verlängert. Die spitzbogige Blende an der Südseite und
ein kleines Fenster an der Nordseite künden noch von den Veränderungen.
Trotzdem ist bisher nicht sicher nachzuweisen, welcher Bauteil der Kirche
der älteste ist.3
Erst seit dem 18. Jahrhundert lassen sich Reparaturen und Umbauten durch
schriftliche Quellen belegen.4 Größere Veränderungen
gab es aber erst im 19. Jahrhundert. 1844-46 musste der Turm wegen Baufälligkeit
erneuert werden. Der damals entstandene verbretterte Turmaufsatz sah
in etwa so aus wie der heutige. 1868-69 errichtete man den eingezogenen,
fast quadratischen Altarraum im Osten, an den 1913 noch eine Sakristei
mit überdachtem Eingang angefügt wurde.
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In der dritten wichtigen Bauphase 1935 (s. Abb. oben) wurden eine umfassende Renovierung
und ein Umbau der Kirche durch den Architekten Erwin Rettig ausgeführt.
Am Außenbau verschloss man den Zugang zur Kirche an der Südwand,
eine kleine Pforte, die heute noch als Blendnische zu erkennen ist.
Der Haupteingang wurde nun an die Westseite des Turmes verlegt, wo man
eine frühere Türöffnung wiederentdeckt hatte, und mit
einem Stichbogengewände eingefasst. Das Innere verwandelte Rettig
durch eine barockisierende Ausstattung mit Kanzelaltar und neugestalteter
Orgelempore.5
Heute ist die Kirche vor allem geprägt durch die Nachkriegszeit.
Bei der Neugestaltung von 1953 durch die Architekten Max Glöckner
und Erich Rothe wurde die Fassung der 1930er Jahre komplett entfernt
und die gesamte Kirche "regotisiert". Am Außenbau sind die Baumaßnahmen
vor allem am Westportal, das ein spitzbogiges, scheinbar mittelalterliches
Feldsteingewände erhielt, sowie an der neu aufgesetzten Windfahne
mit der willkürlich angebrachten Jahreszahl "1350" erkennbar. Das
Innere wurde von allen barocken Elementen, wie z.B. einem Kanzelaltar
von 1741, "bereinigt". Die Deckenbalken wurden freigelegt. Die 1935
eingebauten Emporenständer entfernte man, so dass die Empore für
die neue Orgel den Raum seitdem stützenlos überspannt. Eine
moderne Möblierung wurde mit mittelalterlichen Ausstattungsstücken
kombiniert, die zum Teil aus anderen Berliner Kirchen stammen. Als Altartafel
über der schlichten Mensa dient eine "Beweinung Christi", die um
1495 von der Berliner Patrizierfamilie Wins für die Marienkirche
in Mitte gestiftet worden war. Das wertvolle Tafelbild stammt vermutlich
aus der Nürnberger Werkstatt des Malers Michael Wohlgemut. Zu den
erst später für die Kirche erworbenen Stücken gehören
ein spätgotischer Chorstuhl sowie verschiedene Leuchter und Gerätschaften.
Der hölzerne Taufständer von 1692 6 und ein Totenkronenbrett
(Tafel zur Aufbewahrung von bunt geschmückten Kränzen, sog.
Totenkronen) für drei Kinder von 1856 sind noch aus dem ursprünglichen
Bestand der Gatower Dorfkirche.7
Der Kirchhof erhielt 1755 eine neue steinerne Einfriedung, die 1953
im Zuge der Kirchensanierung ersetzt wurde.8 An der Nordseite lässt
eine Betonmauer mit Metallgitter eine spätere Erweiterung des Friedhofs
erkennen. Die ältesten erhaltenen Grabplatten aus dem 19. Jahrhundert
und ein Relief für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden
1953 an der Innenseite der Mauer angebracht.
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1 Vgl. Joachim Pohl, Das Benediktinerinnenkloster St. Marien zu Spandau,
1996. – Felix Escher, Berlin und sein Umland, 1985, S. 71ff. - Slawenburg,
Landesfestung, Industriezentrum, 1983, S. 146f.
2 Berlin und seine Bauten, Teil VI Sakralbauten, Berlin 1997, S. 343.
– Matthias Hoffman-Tauschwitz, Alte Kirchen in Berlin, Berlin 1986,
S. 76ff. – Gunther Jahn, Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin.
Stadt und Bezirk Spandau, Berlin 1971, S. 135ff. – Kurt Pomplun, Berlins
alte Dorfkirchen, Berlin 1967, S. 40f.
3 Die ältere Literatur (Pomplun 1967 und Jahn 1971) hielt den
westlichen Teil der Kirche für den ältesten, an den nach Osten
hin nach und nach angebaut wurde. Markus Cante diskutierte in seiner
Magisterarbeit 1987 neben dieser Vorstellung als Alternative, dass an
den östlichen Bauteil des Kirchenschiffs angebaut wurde. Auf diese
Version legte er sich 1997 in "Berlin und seine Bauten" (Teil IV, S.
343) ohne weitere Erläuterung oder Belege fest.
4 Jahn 1971, S. 136f.
5 Jahn 1971, S. 138.
6 Seine ursprüngliche, 1629 gestiftete Taufschale aus Messing
wurde 1893 an das Märkische Museum verkauft, weil die Darstellung
einer nur mit Hut bekleideten Frau bei den Gatowern Anstoß erregte.
7 Abb. bei Hoffman-Tauschwitz, S. 78ff.
8 Jahn 1971, S. 141.